Nur so ein Gefühl?

Verändert sich Deutschland? Oder ist das nur unser Gefühl? Wir haben mal ein bisschen recherchiert zu gesellschaftlichen Veränderungen, die viele beunruhigen.

Fühlst du dich manchmal fremd im eigenen Land? Du bist nicht allein. Uns zumindest geht es genau so – darum gibt es ja unseren Podcast. Deutschland verändert sich – spürbar, manchmal bedrohlich. Uns ist es jedoch wichtig zu zeigen, dass unsere subjektive Wahrnehmung einen Grund hat – wenn es dann so ist. Wir wollen zu unserem Gefühl die passenden Fakten liefern. Denn es geht nicht um Stimmungsmache, sondern um ernste Gedanken. Also stellen wir in diesem Artikel die Frage: Fühlen wir das nur, oder verändert sich Deutschland wirklich?

Was die Zahlen zu unserem Unbehagen sagen

Soviel können wir direkt verraten: Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt in unserem Land, ist mehr als nur eine vage Empfindung. Immer mehr Menschen fühlen sich zunehmend unwohl. Aber was steckt konkret dahinter? Schauen wir uns die Fakten an, die dieses diffuse Gefühl greifbar machen.

Queerfeindlichkeit nimmt messbar zu

Das ist ein Punkt, der uns ganz persönlich betrifft und der uns natürlich besonders bewegt. Der Alltag für queere Menschen in Deutschland wird rauer. Ein belegbares Beispiel: In München wurden 2024 laut LGBTIQ-Fachstelle „Strong!“ 121 queerfeindliche Übergriffe registriert – ein Anstieg gegenüber den 113 Fällen im Vorjahr. Zusätzlich gab es 61 Fälle von Diskriminierung im Internet. Bayernweit sieht es noch alarmierender aus: 289 gemeldete Vorfälle bedeuten einen Anstieg von über 80 Prozent im Vergleich zu 2022 [1].

Besonders betroffen sind dabei Trans- und Inter-Menschen. Die Übergriffe reichen von alltäglicher Diskriminierung über Beleidigungen und Bedrohungen bis hin zu schwerer Körperverletzung. Das Beunruhigende: Die meisten Übergriffe finden im öffentlichen Raum statt, also dort, wo wir alle uns täglich bewegen.

Warum erfahren wir nicht mehr darüber?

Die Dunkelziffer bei queerfeindlichen Straftaten ist hoch. Viele Betroffene zeigen die Taten nicht an – aus Angst, Resignation oder wegen des Aufwands eines juristischen Verfahrens. Die offiziellen Zahlen zeigen daher nur einen Bruchteil der Realität.

Hör dir dazu unsere neue Episode an

Der politische Boden wird rechtsextremer

Ist mehr als ein Gefühl, wenn wir den Eindruck haben, dass rechtsextreme Einstellungen in Deutschland salonfähiger werden? Zumindest nicht mit Blick auf die AfD: Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die gesamte Partei als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. Damit gilt sie bundesweit als verfassungsfeindlich [2].

Das über 1.100 Seiten umfassende Gutachten des Verfassungsschutzes belegt den verfassungsfeindlichen Charakter der Partei. Besonders problematisch: das „ethnisch-abstammungsmäßige Volksverständnis“, das mit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar ist. Die AfD betrachtet Deutsche mit Migrationsgeschichte aus muslimisch geprägten Ländern nicht als gleichwertige Angehörige des deutschen Volkes.

Besorgniserregend sind auch die Hinweise auf Verbindungen zum gewaltbereiten Rechtsextremismus, unter anderem durch AfD-Mitglieder in mutmaßlichen Terrorgruppen. Die Partei hat sich seit 2022 weiter nach rechts entwickelt, gemäßigte Politiker verließen die Partei, während sich das völkische Lager durchsetzte. Im Bundestag ist die AfD mit 20,8 Prozent erstmals zweitstärkste Kraft – ein deutliches Zeichen für die Verschiebung des politischen Klimas.

Wir hatten bei uns im Dorf gelegentlich „Kontakt“ zu AfD Wählern – die uns alles andere als schön in Erinnerung sind. Unsere Recherche zeigt: das ist kein sporadisches Gefühl, sondern eine sichtbare Entwicklung, die nicht zuletzt in Wahlergebnissen messbar ist.

Klimawandel: Wenn Fakten geleugnet werden

Auch so ein Thema, das uns sehr bewegt. Doch sind wir nur die Ökospinner? Die linksgrünversifften Gutmenschen, die den Blick aufs Wesentliche verloren haben? Wir sagen: Was bringt uns das dickste Auto, die fetteste Villa, wenn wir den Planeten unbewohnbar machen? Ist das Spinnerei, Ideologie oder gibt es wirklich Grund zur Sorge?

Die Klimakrise ist längst in unserem Alltag angekommen. Tagtäglich können wir besorgniserregende Meldungen darüber lesen. Eine davon war erst vor ein paar Tage besonders beeindruckend: Der rapide Schwund der Gletscher weltweit. Ein eindeutiges Zeichen der Klimaerhitzung. Seit dem Jahr 2000 haben die Eismassen an Land jährlich rund 273 Milliarden Tonnen Eis verloren. Das hat bereits zu einem Meeresspiegelanstieg von 1,8 Zentimetern geführt [3].

In Europa sind die Auswirkungen besonders sichtbar:

  • Die Gletscher in den Alpen und Pyrenäen sind seit 2000 um etwa 39 Prozent (!) geschrumpft [3]
  • Die Eisdicke am nördlichen Schneeferner auf der Zugspitze betrug 2018 noch etwa 10 Meter, heute sind es weniger als 6 Meter [3]
  • Der südliche Teil ist bereits verschwunden, und spätestens 2030 wird die Zugspitze komplett eisfrei sein [3]

Trotz dieser alarmierenden Fakten gewinnen Klimawandelleugner an Einfluss. Unternehmen, die für die grüne Transformation der Wirtschaft stehen, haben es schwer, wenn Klimawandelleugner in Machtpositionen sind [4]. Das erschwert die notwendigen Schritte zur Bekämpfung der Klimakrise.

Obwohl Auswirkungen des Klimawandels längst bei uns angekommen sind (hier bei uns im Ort gab es 2021 bei Jahrhunderthochwasser schwere Schäden), legte die neue Bundesregierung mit Gasministerin Reiche mit Vollgas den Rückwärtsgang beim Klimaschutz ein. Das bereitet uns Sorgen und auch darüber wollen wir reden.

Warum fühlt sich Deutschland anders an?

Seit 1990 – also seit über 30 Jahren – ist die Bevölkerung in Deutschland um fast 4 Millionen Menschen gewachsen. Aber: Dieser Anstieg ist nicht überall gleich.

In vielen westlichen Bundesländern, also z. B. in Bayern oder NRW, leben heute deutlich mehr Menschen als früher. In manchen Gegenden im Osten Deutschlands ist es aber genau andersherum: Dort wohnen heute viel weniger Menschen als noch vor 30 Jahren [5].

Stell dir zwei Städte vor. In der einen wird ständig gebaut, es ziehen junge Familien zu, es gibt neue Schulen, Cafés und Buslinien. In der anderen ziehen viele Menschen weg, Häuser stehen leer, die Busse fahren nur noch selten, weil es sich kaum lohnt. Das fühlt sich ganz unterschiedlich an – und beeinflusst auch, wie wohl man sich in seiner Heimat fühlt.

Alt gegen Jung? Oder ganz andere Unterschiede?

In den Medien oder im Internet wird oft gesagt: Die Generationen verstehen sich nicht mehr. Die Alten schimpfen über die Jungen – und umgekehrt. Aber Studien zeigen: So einfach ist das nicht. Ja, natürlich ticken junge und ältere Menschen manchmal anders. Wer heute 70 ist, hat eine andere Jugend erlebt als jemand, der heute 17 ist. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass sie gegeneinander stehen.

Viele sogenannte „Generationskonflikte“ sind eher Missverständnisse oder hängen mit dem Alter an sich zusammen – nicht mit einem echten Streit zwischen Jung und Alt. Tatsächlich zeigen Studien: Die wirklich großen Unterschiede in Deutschland laufen oft nicht zwischen Alt und Jung – sondern zwischen Menschen, die viel haben, und denen, die wenig haben [6].

Woher kommt die Wut – und warum richtet sie sich oft gegen die Falschen?

Viele Menschen in Deutschland sind gerade wütend oder frustriert. Sie haben das Gefühl: „Egal was ich mache, es wird nicht besser.“ Oder: „Die da oben kümmern sich sowieso nicht um uns.“

So etwas nennt man Ohnmacht – also das Gefühl, dass man nichts ändern kann. Und das macht viele Menschen aggressiv. Aber jetzt kommt das Problem: Diese Wut richtet sich oft gegen die Falschen. Statt zu fragen: „Warum wird Geld und Macht so ungleich verteilt?“, wird geschimpft auf Geflüchtete, auf die Jugend, auf die Stadt oder aufs Land.

Beispiel: Ein Mann verliert seinen Job. Statt zu fragen, warum große Firmen so viel Einfluss haben oder warum die Politik nichts dagegen tut, schiebt er die Schuld auf „die Ausländer“ oder „die Jungen mit ihren Klimaprotesten“.
So wird der Frust in die falsche Richtung gelenkt – und das hilft niemandem.

Und was bedeutet das alles?

Wenn sich das Leben in verschiedenen Teilen Deutschlands ganz unterschiedlich entwickelt, wenn Menschen mit wenig Geld immer mehr abgehängt werden und wenn Wut auf die Falschen gelenkt wird – dann ist es kein Wunder, dass viele sich unwohl fühlen. Wir leben alle im selben Land, aber manchmal fühlt es sich so an, als wären es zwei oder drei verschiedene. Das müssen wir ernst nehmen – und überlegen, wie wir wieder mehr Miteinander schaffen. Nicht mit noch mehr Streit. Sondern mit mehr Zuhören oder einfach drüber reden – was wir mit unserem Podcast tun wollen.

Was bedeuten diese Veränderungen für unser Lebensgefühl?

All diese Fakten zeigen: Es ist nicht „nur so ein Gefühl“. Deutschland verändert sich tatsächlich, und nicht immer zum Besseren. Die Zunahme queerfeindlicher Übergriffe, der erstarkte Rechtsextremismus und die Leugnung des Klimawandels sind nicht nur so ein Gefühl, sondern reale Entwicklungen, die unser Wohlbefinden im eigenen Land beeinträchtigen.

Wie können wir mit diesen Veränderungen umgehen?

Bewusstsein schaffen: Der erste Schritt ist das Erkennen und Anerkennen dieser Veränderungen. Das bedeutet nicht, in Alarmismus zu verfallen, sondern die Realität wahrzunehmen. Mit unserem Podcast wollen wir genau das tun.

Zum Beispeil, ganz speziell: Was tun bei queerfeindlichen Übergriffen?

  • Dokumentiere den Vorfall so genau wie möglich
  • Suche Unterstützung bei spezialisierten Beratungsstellen wie „Strong!“
  • Erstatte Anzeige, wenn du dich dazu in der Lage fühlst
  • Teile deine Erfahrungen, um Bewusstsein zu schaffen

Die Herausforderung für die Demokratie

Eins ist auf alle Fälle klar: Was gerade in unserem Land und Weltweit geschieht, stellt unsere Demokratie auf die Probe. Wenn eine als verfassungsfeindlich eingestufte Partei die zweitstärkste Kraft im Bundestag wird [2], ist das ein Warnsignal.

Welche Werte wollen wir als Gesellschaft verteidigen?

Diese Frage müssen wir uns immer wieder neu stellen. Gehören Vielfalt, Toleranz und Klimaschutz zu unserem Deutschland? Oder akzeptieren wir eine Gesellschaft, in der queerfeindliche Übergriffe zunehmen, in der rechtsextreme Ideologien salonfähig werden und in der wissenschaftliche Fakten geleugnet werden?

Die Zukunft mitgestalten

Trotz aller beunruhigenden Entwicklungen gibt es Grund zur Hoffnung. Denn jeder von uns kann etwas bewirken. Was können wir also tun, damit Deutschland wieder mehr zu unserem Zuhause wird? Wie können wir ein Land gestalten, in dem sich alle wohlfühlen können?

Zuhören und verstehen

Ein erster wichtiger Schritt ist, einander zuzuhören und die unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen. Warum fühlen sich manche Menschen unwohl? Welche konkreten Erfahrungen haben sie gemacht? Nur wenn wir diese Fragen ehrlich beantworten, können wir gemeinsam Lösungen finden. Genau das versuchen wir mit unserem Podcast zu erreichen.

Fakten anerkennen

Es ist wichtig, Fakten als solche anzuerkennen. Der Klimawandel ist real. Die AfD wurde vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft. Queerfeindliche Übergriffe nehmen zu. Diese Fakten zu leugnen oder kleinzureden, hilft nicht weiter.

Gemeinsam handeln

Letztlich geht es darum, ins Handeln zu kommen. Jeder von uns kann in seinem Umfeld etwas bewirken – sei es durch zivilgesellschaftliches Engagement, politische Teilhabe oder einfach durch respektvolles Miteinander im Alltag.

Ist es wirklich schlimmer als früher?

Diese Frage können wir nicht pauschal beantworten. Deutschland steht vor großen Herausforderungen, aber auch in der Vergangenheit gab es schwierige Zeiten und gesellschaftliche Umbrüche.

Was sich jedoch verändert hat, ist die Geschwindigkeit und die Sichtbarkeit dieser Veränderungen. Durch soziale Medien und ständige (Fake-) Nachrichtenflut erleben wir Krisen und Konflikte unmittelbarer als frühere Generationen. Das kann das Gefühl verstärken, dass alles immer schlimmer wird.

Gleichzeitig sind manche Probleme heute tatsächlich drängender. Der Klimawandel schreitet voran – mit messbaren Folgen wie dem Gletscherschwund. Rechtsextreme Einstellungen werden offener geäußert und finden mehr Zuspruch. Und für queere Menschen nehmen die Anfeindungen zu.

Ein Blick auf die demografische Entwicklung

Ein Aspekt, der oft übersehen wird: Deutschland wird immer älter. Die Zahl der mindestens Hundertjährigen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Ende 2024 lebten etwa 17.900 Menschen, die mindestens 100 Jahre alt waren – ein Anstieg um knapp ein Viertel seit 2011. Rund 84 Prozent dieser Altersgruppe sind Frauen [7].

Diese demografische Entwicklung verändert unsere Gesellschaft und stellt uns vor weitere Herausforderungen – von der Rentenfrage bis zum Pflegenotstand.

Fazit: Mehr als nur ein Gefühl

Unser Gefühl, dass wir uns in Deutschland zunehmend unwohler fühlen, ist mehr als nur eine subjektive Empfindung. Es gibt messbare Veränderungen, die dieses Gefühl erklären können. Die Zunahme queerfeindlicher Übergriffe, der Aufstieg rechtsextremer Parteien und die Leugnung des Klimawandels sind reale Entwicklungen, die unser Zusammenleben beeinflussen.

Gleichzeitig sollten wir nicht in Pessimismus verfallen. Deutschland ist und bleibt ein vielfältiges, lebenswertes Land, in dem die meisten Menschen friedlich zusammenleben wollen. Und es liegt an uns allen, diese Zukunft zu gestalten.

Wenn du mehr über das Gefühl, sich fremd im eigenen Land zu fühlen, erfahren möchtest, höre dir unseren Podcast „Noch unser Deutschland?“ an. Dort sprechen wir ehrlich und persönlich über unsere Erfahrungen und laden zum Mitdiskutieren ein.

Quellen