Queerfeindlichkeit in Deutschland

Rechte auf dem Papier, Grauzonen im Alltag: Wir sprechen über Queerfeindlichkeit in Deutschland, teilen unsere Perspektive und sammeln Strategien, die im Alltag helfen.

Wir sehen bunte Kekse auf dem Tisch. Wir sehen den Regenbogen in unserem Logo. Bei uns geht es bunt zu. Aber wir merken: Bunt fühlt sich im Alltag nicht jeden Tag so an.

In Episode 8 sprechen wir über Queerfeindlichkeit in Deutschland. Wir schauen auf Zahlen und auf das, was zwischen den Zahlen passiert. Wir erzählen, wie sich das für uns anfühlt. Und zeigen Strategien, die im Alltag helfen können.

Warum dieses Thema gerade jetzt wieder hochkocht

Wenn wir „queer“ hören, denken viele an Party, Pride und Glitzer. Das darf alles sein. Aber es ist nicht der Kern. Der Kern ist simpel: Sicherheit. Respekt. Und die Freiheit, „normal“ leben zu können.

Genau da knirscht es gerade. Debatten werden härter. Menschen werden schneller wütend. Und manchmal reicht schon eine Flagge, um daraus einen Kulturkampf zu machen. Queerfeindlichkeit in Deutschland wirkt dann wie ein Echo: Erst reden alle „nur“ über Symbole. Danach trauen sich manche wieder mehr. Ein Spruch hier. Ein Blick da. Und für Betroffene wird es enger.

Wir wollen das nicht dramatisieren. Wir wollen es klar benennen. Und wir wollen verstehen, was wir dagegen tun können.

Was der Lagebericht zeigt – und was zwischen den Zeilen steht

Wenn jemand sagt: „So schlimm ist es doch nicht“, dann hilft ein Blick in den Lagebericht von BKA und BMI. Dort stehen für 2023 1.785 queerfeindliche Straftaten. Das ist ein starker Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Der Bericht nennt auch eine hohe Dunkelziffer. [1]

Und genau diese Dunkelziffer macht uns nachdenklich. Denn viele melden nichts. Manche wollen es vergessen. Manche rechnen nicht mit Hilfe. Manche haben Angst vor dem nächsten Schritt. Das heißt: Queerfeindlichkeit in Deutschland ist oft größer als das, was in Statistiken auftaucht.

Der Bericht zeigt auch, welche Taten häufig vorkommen. Dazu zählen Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzung sowie Nötigung und Bedrohung. [2] Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Alltag für Menschen.

Warum viele trotzdem sagen: „Ist doch besser geworden“

Ja, es gibt Fortschritt. Das sehen wir auch. Deutschland verändert Gesetze. Deutschland diskutiert über Rechte. Deutschland schafft neue Wege, damit Menschen sich anerkannt fühlen.

Ein Beispiel ist das Selbstbestimmungsgesetz. Es gilt seit 1. November 2024. Es erleichtert trans-, intergeschlechtlichen und nichtbinären Personen den Wechsel von Name und Geschlechtseintrag. [4] Das ist wichtig. Und trotzdem bleibt ein Problem: Ein Gesetz macht den Schulhof nicht automatisch freundlich. Ein Gesetz macht den Arbeitsplatz nicht automatisch sicher. Queerfeindlichkeit in Deutschland verschwindet nicht von allein.

Schule, Job, Straße: Wo es im Alltag knirscht

Wir merken immer wieder: Viele denken bei Queerfeindlichkeit in Deutschland zuerst an „die ganz schlimmen Fälle“. Gewalt. Schlagzeilen. Aber vieles passiert leise. Und genau das macht es so zäh.

Zum Beispiel in der Schule. Ein Spruch fällt. Jemand nutzt „schwul“ als Beleidigung. Erwachsene schauen weg. Das prägt. Nicht nur einen Tag. Oft viele Jahre. Und das Schlimme ist: Wegschauen wirkt wie Zustimmung. Nicht, weil Lehrkräfte böse sind. Sondern, weil Schweigen für Kinder wie ein Urteil klingt.

Oder im Job. Da geht es nicht nur um offenes Mobbing. Es geht oft um die Frage: „Sage ich etwas über mich? Oder lasse ich es lieber?“ Viele queere Menschen sprechen am Arbeitsplatz nicht offen über ihre Identität. Nicht, weil sie Drama wollen. Sondern, weil sie Ruhe wollen. Und weil sie Nachteile fürchten. Im Arbeitsleben kommt noch etwas dazu: Ungleichbehandlung bleibt messbar. Untersuchungen zeigen, dass ein Teil der queeren Menschen Diskriminierung im Arbeitsleben erlebt. [4]

Und dann gibt es die Straße. Die Bahn. Den Parkplatz. Den Moment, in dem man kurz scannt: Wer steht da? Wie reagieren die? Wir wünschen uns, dass niemand diese Fragen im Kopf haben muss.

Familie und Umfeld: Wenn Liebe plötzlich Bedingungen hat

Ein Punkt trifft uns besonders: Wenn Ablehnung aus dem eigenen Umfeld kommt. Wir hören oft: „In der Familie ist das doch kein Thema.“ Für viele stimmt das. Für einige aber nicht.

Manche Menschen verlieren Kontakte, sobald sie offen sind. Manche erleben komische Pausen am Telefon. Manche hören Sätze wie „Wir akzeptieren dich, aber…“ Dieses „aber“ ist oft der Schmerz. Und es zeigt: Queerfeindlichkeit in Deutschland hat nicht nur eine politische Seite. Sie hat auch eine private.

Woher kommt Queerfeindlichkeit?

„Phobie“ klingt nach Angst. Im Alltag geht es oft um Ablehnung. Wir sehen dabei ein paar Muster, die immer wieder auftauchen:

  • Normen: Manche hängen stark an festen Rollenbildern.
  • Unsicherheit: Manche fühlen sich bedroht, wenn andere anders leben.
  • Umfeld: Familie, Freundeskreis, Medien prägen, was „normal“ sein soll.

Das ist keine Entschuldigung. Aber es ist eine Erklärung. Und eine Erklärung hilft uns beim Handeln. Denn wenn Queerfeindlichkeit in Deutschland aus Normen und Unsicherheit wächst, dann helfen Kontakt, Wissen und Empathie.

Pride ist nicht nur Party

Pride wirkt von außen oft wie ein Festival. Für viele ist es auch ein sicherer Raum. Aber Pride startet nicht als Party. Pride startet als Widerstand.

Die Stonewall-Unruhen 1969 in New York gelten als wichtiger Ausgangspunkt der Bewegung. Ein Jahr später entsteht daraus die erste Pride-Demo. [7] In Deutschland startet die CSD-Geschichte Ende der 70er. [7] Und gleichzeitig zeigt die deutsche Geschichte eine dunkle Seite: Homosexualität steht in Deutschland lange unter Strafe. Der §175 fällt erst 1994 endgültig weg. [6] Wenn wir das im Kopf behalten, verstehen wir besser: Sichtbarkeit ist nicht „zu viel“. Sichtbarkeit ist oft Schutz.

Drei Sätze, die du sofort nutzen kannst

Wir wissen: Nicht jede Situation ist sicher. Und nicht jede Person will oder kann eingreifen. Aber oft reicht ein kleiner Moment. Ein kurzer Satz. Kein Vortrag.

Hier sind unsere Lieblings-Sätze gegen Queerfeindlichkeit in Deutschland:

  • „Was meinst du damit genau?“
    Nachfragen zwingt Menschen, den Spruch auszuhalten.
  • „Stopp. Das ist nicht okay.“
    Kurz, klar, ohne Diskussion.
  • „Mich verletzt das. Und andere auch.“
    Ein Ich-Satz senkt oft den Widerstand.

Wenn du noch einen Schritt weiter gehen willst, hilft das hier:

  • Verbündete holen: „Kannst du kurz mit dazu kommen?“
  • Thema drehen: „Lass uns respektvoll bleiben.“
  • Sicherheit priorisieren: Wenn es kippt, geh raus und hol Hilfe.

Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht laut sein. Aber du kannst sichtbar zeigen: Hier ist eine Grenze.

Was wir uns von Schulen, Jobs und Politik wünschen

Wir wünschen uns keine Wunder. Wir wünschen uns Standards.

In Schulen wünschen wir uns klare Regeln. Und Menschen, die sie durchziehen. Programme wie „Schule der Vielfalt“ zeigen, wie das praktisch geht. Schulen setzen Zeichen, machen Projekttage und bilden Teams weiter. [6]

In Unternehmen wünschen wir uns nicht nur Pride-Posts. Wir wünschen uns Schutz im Alltag. Das heißt: klare Ansprechstellen, klare Konsequenzen, klare Sprache.

In der Politik wünschen wir uns weniger Nebelkerzen. Wir wünschen uns Sicherheit. Und wir wünschen uns Respekt. Denn wenn oben abgewertet wird, wird unten schneller nachgetreten.

Unser Learning: Regenbogen braucht Alltag

Queerfeindlichkeit in Deutschland verschwindet nicht, weil es ein neues Gesetzgibt. Sie verschwindet, wenn mehr Menschen im Alltag Haltung zeigen.

Wir glauben: Regenbogen entsteht nicht nur auf Demos. Regenbogen entsteht auch am Stammtisch, im Büro, auf dem Schulhof. Wenn du heute nur eine Sache machst, dann diese: Schweig nicht mit. Ein Satz reicht oft. Und manchmal ist genau das der Unterschied zwischen Grauzone und Regenbogen.

Und wenn du willst: Schreib uns. Wo ist dein Alltag bunt? Wo ist er grau? Und welche Sätze helfen dir wirklich? Wir freuen uns über dein Feedback.

Quellen

[1] Lagebericht: Queerfeindlichkeit nimmt zu (bpb) – https://www.bpb.de/kurz-knapp/taegliche-dosis-politik/557829/lagebericht-queerfeindlichkeit-nimmt-zu/

[2] Lagebericht zur Sicherheit von LSBTIQ (BKA) – https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/SicherheitLSBTIQ/SicherheitLSBTIQ_node.html

[3] Lagebericht zur kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ* (BMI, PDF) – https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/BMI24043-lb-lsbtiq.pdf?__blob=publicationFile&v=2

[4] 1. November: Selbstbestimmungsgesetz tritt in Kraft (bpb) – https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/555990/1-november-selbstbestimmungsgesetz-tritt-in-kraft/

[5] Streitpunkt Queer (bpb/APuZ, 2025) – https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/queer-2025/562124/streitpunkt-queer/

[6] Schule der Vielfalt – Schule ohne Homophobie (bpb) – https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/263506/schule-der-vielfalt-schule-ohne-homophobie/

[7] Die Geburtsstunde des Gay Pride (bpb) – https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/292948/die-geburtsstunde-des-gay-pride/

[8] 1994: Homosexualität nicht mehr strafbar (bpb) – https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/180263/1994-homosexualitaet-nicht-mehr-strafbar/